Vom Stall auf die Piste

Wildschönau/Kitzbüheler Alpen: ein Tag im versteckten Idyll.

 

Der Stall ist ausgemistet, das Milchvieh gemolken, alle 20 Rinder sind versorgt und käuen zufrieden wieder. Jetzt beginnt für Thomas Fill die zweite Schicht. Der Tiroler Bauer schlüpft in seinen roten Skianzug, stellt sich direkt vor der hölzernen Haustür seines 300 Jahre alten Wildschönauer Hofes, wo er auch ein tolles Ferienhaus betreibt, auf die Skier und fährt die Piste hinunter zur Talstation der für die Saison 2017/18 komplett erneuerte Schatzbergbahn in Auffach. Kurze Lagebesprechung mit Richard Mühlegger, dem Leiter der Ski- und Snowboardschule Hochtal Wildschönau und den Skilehrer-Kollegen – dann steht die Familie auch schon vor der Tür, die Thomas Fill heute den ganzen Tag über privat betreut.

Erst sind die beiden Töchter im Grundschulalter dran, die am Schatzberg in die hohe Kunst des Trickskifahrens eingeweiht werden möchten. Anschließend versucht Thomas Fill der Mutter klarzumachen, dass Skifahren durchaus Spaß machen kann, wenn man sich dabei entspannt, bevor er mit dem Vater noch ein paar lässige Spuren im Tiefschnee zieht.

 

„Als Familienskilehrer unterwegs zu sein – das ist eher die Ausnahme“, sagt der 47-Jährige, der die Abwechslung schätzt. Seit fast drei Jahrzehnten arbeitet Thomas Fill so wie viele Bauern der Wildschönau im Winter als Skilehrer und hat schon unzähligen Kindern und Erwachsenen im Gruppen- oder Einzelunterricht die ersten Schwünge beigebracht.

In der Wildschönau, wo 1947 der erste Lift Tirols gebaut wurde, stehen heute mit dem „Ski Juwel Alpbachtal Wildschönau“ 109 gepflegte Pistenkilometer zur Auswahl. Sie zentrieren sich rund um den 1903 Meter hohen Schatzberg in Auffach, das Markbachjoch in Niederau, die Roggenbodenlifte bei Oberau, das Alpbachtaler Wiedersbergerhorn und den benachbarten Reither Kogel. Bereits mehrfach wurde das Skigebiet ausgezeichnet.

Das wirklich Besondere am Skifahren in der Wildschönau allerdings ergibt sich aus der abgeschiedenen Lage des Hochtals, das sich inmitten der Kitzbüheler Alpen versteckt erstreckt. Nur ein schmales, kurviges Sträßchen schlängelt sich die sieben Kilometer von Wörgl aus hinauf in die Idylle – und schreckt viele Tagesausflügler ab, die leichter erreichbare Ziele ansteuern.

 

„Bei uns sind die Pisten selbst dann nicht überfüllt, wenn andernorts bedrängende Enge herrscht“, sagt Thomas Lerch, Tourismusdirektor der Wildschönau. Zusätzliches Plus sei die Konzeption der Skigebiete: „Wer mit einem der 25 Lifte oben ankommt, hat nicht nur eine Piste, sondern zumeist diverse Abfahrten zur Auswahl. Daher drängen sich nicht alle auf einem Fleck“, führt Lerch aus.

 

Die relative Abgeschiedenheit der Wildschönau und ihr Geheimtipp-Status mag auch Grund fürs faire Preisgefüge sein. Wer hier Urlaub macht, kann sich schon ab 64 Euro pro Person im Doppelzimmer eines 4-Sterne-Hotels mit Halbpension einquartieren oder bezahlt für die ganze Woche in der Frühstückspension samt 6-Tages-Skipass ab 409 Euro. Der 5-Tages-Skikurs für Kinder mit vier Unterrichtsstunden täglich kostet in der Ski- und Snowboardschule Hochtal Wildschönau gerade mal eben 180 Euro, der Privatlehrer pro Tag 180 bis 200 Euro für ein bis zwei Personen.

 

Also morgen gleich noch mal einen ganzen Tag Thomas Fill? Oder doch lieber von der Bergstation der Schatzbergbahn die fünf Kilometer lange Rodelbahn hinunter nach Thierbach, den wohl idyllischsten Ort der Wildschönau, in dem eine der kleinsten Schulen Österreichs steht, in der nur ein knappes Dutzend Kinder unterrichtet werden? Anschließend könnte noch beim Sollererwirt einkehren, in dem vor genau 200 Jahren das letzte Bauern-Aufgebot zusammengetrommelt wurde, das Freiheitskämpfer Andreas Hofer im Feldzug gegen Napoleon und die Bayern unterstützte?

 

Die Familie entscheidet sich beim Après Ski fürs Schlittenfahren, während der Vater überlegt, ob er an einem der nächsten Tage vielleicht doch mal den Auffacher Skischulleiter begleiten soll: Richard Mühlegger zieht jeden Morgen um 5.30 Uhr seinen Skiern das Fell über die Ohren und stapft die 1.000 Höhenmeter hinauf auf den Schatzberg, bevor er seine Skischule öffnet. „Das ist mein persönliches Fitnessprogramm“, sagt der 66-Jährige, der im Sommer vom Tourenski aufs Mountainbike umsteigt.

 

Beim Krautinger – dem Schnaps aus der weißen Stoppelrübe, der seit 1635 wirklich nur in der Wildschönau gebrannt werden darf – erzählt Thomas Fill noch mehr von seinem Bauernhof und davon, dass Senner Johann auf der Schönangeralm aus der Milch der Fill’schen Kühe preisgekrönten Käse herstellt, der bei der Käseolympiade in Galtür schon so manche Goldmedaille geholt hat. Dann muss er plötzlich weg. Fast hätte er vergessen, dass Kuh Flora heute Abend noch ihren Besamungstermin hat.

Infos: Wildschönau Tourismus, Hauserweg, Oberau 337, A-6311 Wildschönau, Tel. 0043/(0)5339 8255-0, info@wildschoenau.com, www.wildschoenau.com

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