Tag 3: Biberacher Hütte - Lindauer Hütte

 

Blütenrausch und Bergkäse

 

Einen Tag lang nur Abstieg? Und dann trotzdem auf knapp 1.800 Meter über NN eine nagelneue Hütte genießen? Wie geht denn das?

 

Kleiner Tipp gleich zu Beginn: Wem das Große Walsertal kein Begriff ist, der sollte diese Lücke möglichst schnell schließen. Dieses Tal, das natürlich auf dem Großen Walserweg keinesfalls fehlen darf, verdient mehr als nur eine Erwähnung.

 

Heute morgen sind wir um 8 Uhr an der Biberacher Hütte aufgebrochen, der eben jenes Große Walsertal zu Füßen liegt. Ein Pfad führt stetig leicht bergab. Thomas Dempfle warnt: „Passt auf. Es sind noch nicht viele Wanderer unterwegs, tretet besonders auf diesem Weg niemals auf lose Steine, die liegen da überall.“

 

Tatsächlich erweist sich der vielleicht einen halben Meter breite Pfad als sehr konzentrationsfördernd. Jeder Schritt will bedacht gesetzt sein: Rechts geht es steil hangaufwärts, im selben Maße links hinunter. Wie ein lustig-bunter Lindwurm schlängelt sich die Gruppe ins Tal hinab, stets flankiert von Blumen, die hier so üppig blühen wie schon zu Beginn der Tour.

 

Nicht gerade leicht macht es die Sonne den Wanderern: Mit Macht brennt sie auf die Gruppe herab. Jeder versucht besonders jene Stellen zu schützen, die schon in den ersten beiden Tage einen Sonnenbrand davongetragen haben: Waden, Nacken und Ohren. Und bei manchen Herren der Schöpfung der etwas breit geratene Scheitel.

 

Doch mal ehrlich, über das Wetter sollte niemand meckern. So ist es allemal besser als waagerechter Regen. Dennoch freut sich wohl jeder, als die Waldgrenze unterschritten ist. Schatten spendende Bäume und sogar ein leises Lüftchen gestalten die Bergab-Tour deutlich angenehmer.

 

Plötzlich sind ein paar Häuser erreicht: Auf der Iscarnei-Alpe machen Konrad und Marianne gemeinsam Bergkäse. Bei der Aussteigerin, bis zum letzten Jahr Krankenschwester in der Nähe von Speyer, sitzt jeder Handgriff, wenn sie an den voluminösen Käsebottich herantritt. Dass sie dabei aus Hygiene-Gründen aussieht wie eine OP-Schwester, sei ihrem einstigen Beruf geschuldet.

 

Dann spannt sie ein Käsetuch über eine flexible Metallstange, nimmt zwei Ecken davon in den Mund und fischt aus der Molke den Käseteig heraus. Knoten rein, Haken von der Decke eingehängt, und schon lässt sich das triefende Bündel über eine runde Form fahren, die aussieht wie eine überdimensionale Springform.

 

„Hier reift der Bergkäse jetzt erst einmal für drei Tage“, sagt Marianne und streicht dabei Molke aus dem Bündel. Aus jeder ihrer Bewegungen spricht Liebe zu dem, was sie tut. „Nie hätte ich mir verziehen, den Schritt auf die Alpe nicht zu wagen“, gesteht die 44-Jährige. „Schau dich nur um, und du verstehst, was ich meine. Außerdem bin ich mein eigener Herr.“ Ein Thema, das auf dem Walserweg immer wieder zu hören ist: die Unabhängigkeit.

 

Derweil verteilt Konrad Kostproben: ein Jahr alter Bergkäse, der jedem aus der Gruppe auf der Zunge zergeht. Diese Pause ist willkommen - zumal mit dieser kleinen Stärkung.

 

Weiter geht es talabwärts. Auf dem ersten Wanderparkplatz warten drei VW Busse: Taxen,welche die Wanderer ins nahe Walsermuseum chauffieren. Er steht im Herz des Ortes Sonntag, mit knapp 700 Einwohnern zweitgrößtes Städtchen des insgesamt 3.500 Menschen zählenden Großen Walsertals.

 

Im Museum erläutert eine freundliche ältere Dame, wodurch sich ein Walserhaus auszeichnet (fehlender Dachfirst, kleine Fenster, von denen drei im Erdgeschoss, angegliedert ein Stall). Die Gruppe bekommt einen tiefen Einblick in das Leben jener Menschen, die dem Tal seinen Namen gegeben haben - und der gesamten Tour ihren Stempel aufdrücken.

 

Einem Imbiss in einem Restaurant ein Haus weiter folgt die nächste Taxifahrt: hinüber zum Golm im Montafon. Die Strecke in das Tal, das die Du-Grenze vom Berg auf die gesamte Region ausgeweitet hat, beträgt 40 Kilometer und dauert eine knappe Stunde. Bei der Ankunft an der Bergbahn weiß allerdings kaum jemand aus der Gruppe über die durchfahrene Landschaft zu berichten. Hier war wohl ein Schlafwagenexpress unterwegs.

 

Hinauf also mit der Golmerbahn zur Bergstation auf 1.890 Meter über NN. So also funktioniert es, dass ein Tag nur aus Abstieg besteht. Denn die Lindauer Hütte steht auf 1.744 Meter Seehöhe. Es geht also wieder nur bergab - fast: Ein paar Schikanen Auf und Ab birgt der anderthalbstündige Weg schon noch.

 

Umso schöner ist die Hütte selbst. Sie ist im vergangenen Jahr komplett renoviert worden. Hüttenwirt Thomas ist sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis. Zu recht: Die Zimmer und sanitären Anlagen sind top, und von der Terrasse aus ist das Massiv der Sulzfluh mit seinem 2.817 Meter hohen Gipfel in voller Pracht und Größe zu bewundern.

 

Doch dieser Berg ist das Ziel von morgen. Dabei wird eines klar: Es kann nicht jeden Tag nur bergab gehen.

 

Gehzeit: sechs Stunden

Auf-/Abstieg: 0/1.100 m

Länge: 17 km

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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