Tag 4: Lindauer Hütte - Hotel Räthia, St. Antönien, Graubünden

 

Grenzübertritt und Gipfelsturm

 

Wenn ein Tag von Wanderern zwei Aufstiege à 600 Höhenmeter abverlangt, dann muss er spannend werden. Und dennoch kommen die Walser dabei nicht zu kurz - sogar über Nacht nicht.

 

Ja, Frühstück muss sein für den, der in die Berge will. Also wie immer morgens um sieben, wenn die Welt bekanntlich noch in Ordnung ist, am Tisch sitzen bei Kaffee, Brötchen, Wurst, Käse und Marmelade. Auch Joghurt mit Früchten ist sehr gefragt.

 

Und es setzt sich die Erkenntnis durch: Auf den Hütten hat sich hinsichtlich der Verpflegung jede Menge getan. Auf der Lindauer Hütte jedenfalls stimmt die Küche zu jeder Tageszeit.

 

Ein weiterer fester Zeitpunkt bei der Wanderung auf dem Großen Walserweg: 8 Uhr Abmarsch. Das Programm für heute klingt einfach: 600 Höhenmeter bergauf zur Drusentor. Dieser Sattel im Rätikon liegt auf 2.434 Meter über NN.

 

Ehrlich gesagt ist dieser Aufstieg für die mittlerweile gestählte Gruppe ein Klacks. Zwischen 350 und 400 Höhenmetern sind gemeinsam drin - pro Stunde. Und dabei bleibt sogar noch Zeit, Fotos zu schießen.

Die Temperaturen klettern schon morgens und vormittags rasant an. Es sind kurze Hosen und Funktions-T-Shirts gefragt, so wie schon die ganzen Tage zuvor. Angeblich jedoch sollen später Gewitter aufziehen. Oben, am Drusentor ragt ein Schild in den blauen Himmel, den manche Wolke tupft. Auf der einen Seite steht „Österreich“, auf der anderen „Schweiz“. Eine Grenzkontrolle findet freilich im Hochgebirge nicht statt.

 

„Hier haben schon die alten Walser geschmuggelt“, erzählt Thomas Dempfle, „die Gegend war verlassen genug, um nicht erwischt zu werden.“ Außerdem wollten die Walser die nördliche Region ihrer Heimat, des Wallis, neu besiedeln. Für ein solches Vorhaben wäre wohl selbst heute noch so mancher Schmuggelgang nötig.

 

Noch heute gibt es auch auf Schweizer Seite uralte Wege, die sich inzwischen weniger den Schmugglern als den Wanderern andienen. Thomas Dempfle hat eine ganz bestimmte Route im Sinn: „Jetzt laufen wir eine halbe Stunde hinüber zur Carschina-Hütte. Dort entscheiden wir, wohin wir weiter wandern“, und blickt dabei besorgt auf den zunehmend bewölkten Himmel.

 

Tatsächlich steht diese Hütte auf 2.235 Meter Seehöhe so schön, dass der Rundumblick nur staunen lässt. Vor allem die 2.817 Meter hohe Sulzfluh, Grenzberg der beiden Alpenrepubliken Österreich und Schweiz, hat es dem Bergführer angetan: „Da steigen wir heute hinauf.“

 

Der Plan wird noch bei Rösti, Hauswurscht und Spiegeleiern (zu Schweiz-üblichen Preisen) durchgekaut. Bald steht fest: Da geht’s hoch. Allein ein Gewitter könnte die Wanderer nun noch bremsen.

 

Nur eine knappe halbe Stunde dauert die Wanderung über hügeliges Almenland des Kantons Graubünden zum Einstieg, der auf den Gipfel der Sulzfluh führt. Hier teilt sich die Gruppe - die restlichen Wanderfeunde treten den Weg hinab nach St. Antönien an -, weil nur neun der Wanderer hinauf wollen auf den Berg.

 

„Das bedeutet einen Aufstieg von noch einmal 600 Höhenmetern“, mahnt Thomas Dempfle, „rauf und runter sind wir mindestens drei Stunden unterwegs - zusätzlich.“

 

Also los. Bis zu dem tatsächlichen Einstieg, hier müssen sich alle Wanderer über 45 Höhenmeter an Ketten über den steilen Fels hoch hangeln, sind noch unendlich erscheinende Schotterfelder und sogar eine kleine Schneefläche zu überwinden. Doch dann geht es steil bergauf - diretissima. Der Schweiß fließt in Strömen, während sich Wolke und Sonne stetig abwechseln. Von Gewitter keine Spur.

 

Ächzend schafft die Gruppe 400 Höhenmeter in der Stunde über Geröll, Schotter, anstehenden Fels und ein unendliches Schneefeld. Schön längst lockt von oben das unübersehbare Gipfelkreuz. Umkehr unmöglich.

 

Schließlich dann heißt es: „Berg heil.“ Die Wanderfreunde umarmen sich, tragen sich ins Gipfelbuch ein, verharren bei Nüssen und Schokoriegeln. Zehn Minuten dauert der Zauber, dann zieht Nebel vom Tal hinauf. Zeit, den Rückweg anzutreten. 600 Höhenmeter abwärts in nicht einmal einer Stunde. Große Klasse.

 

Der Rätikon Höhenweg (bestimmt von den Walsern ausbaldowert) bringt die Gruppe zunächst zum Partnun-See. Dort liegen drei Ruderboote zum freien Gebrauch. Zehn Minuten Dampf ablassen, herumtollen, sich nassspritzen, es ist sehr warm. Dann noch ein paar Schritte und das Hotel Alpenrösli ist erreicht.

 

Eigentlich keine große Sache, stände nicht vor der Tür die Trotti-Mietstation. Was das ist? Ein Trotti(net) ist ein typisch Schweizer Berg-Tretroller mit großem Vorder- und kleinem Hinterrad. Damit lassen sich bergab beachtliche Geschwindigkeiten bis zu 57 km/h erreichen - wie eine App von Dieter, einem Wanderer und nun begeisterten Trotti-Piloten, aufgezeichnet hat.

Sechs Kilometer abwärts im Schweinsgalopp um weite Kurven, bis vor die Tür des Hotels Räthia in der erst im 15. Jahrhundert von den Walsern gegründete Siedlung St. Antönien.

 

Und hier schließt sich wieder einmal der thematische Kreis: Das Hotel ist ein altes Walserhaus, und die Gruppe schläft in Zimmern, in denen wohl schon Walser genächtigt haben.

 

Es gibt viel zu erzählen beim üppigen Schweizer Abendessen, aber gegen neun verschwinden die meisten in ihre Betten. Kein Wunder, nach einem solchen Tag voller Höhepunkte.

 

Außerdem steht morgen ein ähnliches Programm an: Wieder geht es 1.200 Höhenmeter bergauf und ebenso viele bergab. Aber davon mehr - morgen.

 

Gehzeit: 4 Stunden

Auf-/Abstieg: 600/650 Hm

Mit Gifelsturm: 1.200/1.250 Hm

Länge ca. 8,5/16 km

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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