Erstmal warm werden

Tag 2: Rifugio Bignami: Stauseen und Gletscher

Gern spielt einem das Wetter einen Streich. Nachdem sich der gestrige Tag mit Regen verabschiedet hatte und die Nacht stürmisch-nass war, änderte Thomas Dempfle den Plan: „Da wir nicht genau wissen, wie sich der Tag entwickelt, gehen wir heute eine kleinere Runde“, und deutete dabei in eine Richtung hoch oben in den Bergen. „Wir machen Mittag im Rifugio Bignami.“ Die Tour sei gerade gut, um am ersten Wandertag ein bisschen warm zu werden.

Warm werden. Also gut. 8.30 Uhr: Schon hinter den ersten Kurven nach der Standorthütte Rifugio Zoia fängt die Sonne an zu brezeln. Vorbei geht es am Lago di Campomoro, dem Auffangbecken des viel größeren Lago di Gera. Diesen See aus trübem Gletscherwasser staut eine 175 Meter hohe und 530 Meter lange Mauer. Der grüne Strom, der in ihrem Inneren aus Wasserkraft entsteht, fließt nach Mailand und ins noch fernere Rom.

Direkt an diesem Bauwerk aus Beton, welches das Tal abriegelt und das Wasser der umliegenden Berge und Gletscher speichert, führt ein Wanderpfad ins Gebirge. Thomas Dempfle verrät: „Ein Stück müssen wir hoch, dann zeige ich euch ein super schönes Hochtal.“

Tatsächlich geht es auf 2.200 Meter über NN rechts ab in das Val Poschi. Nie gehört? Hat keiner bisher. Aber: Ein glasklarer Bach fließt durch eine saftige Wiese. Hausgroße Felsen, die zu Klettereien verführen, liegen wie hingewürfelt da, an der Seite, unterhalb steiler Felswände ducken sich Hütten von Hirten, die das Tal im Sommer bewirtschaften. Wie als Beweis, dass hier tatsächlich alles echt, bimmeln Ziegen – sie liefern die Milch für den Käse im Valmalenco. Kaum zu toppen, diese Stelle.

Weiter geht es in Richtung Rifugio Gignami. Mit welcher Kraft die Natur hier bisweilen ihre Muskeln spielen lässt, zeigt sich an einer Brücke, die auf dem Kopf in einem tosenden Wildbach liegt. Kurzerhand hat sie der Winter einfach umgeworfen.

Für die Gruppe bedeutet das einen Umweg. „Wir gehen jetzt auf die Hochebene, wo dieser Wildbach entsteht“, entscheidet Thomas Dempfle. Der Tourguide breitet eine Landkarte aus und zeigt den Weg. Der Blick aufs Gelände zeigt: eine schweißtreibende Angelegenheit.

Unter Schwitzen und Stöhnen erreichen alle den höchsten Punkt des Tages auf 2.457 Meter über NN. Es lockt das Tagesziel, Rifugio Bignami, jene Hütte, die, es geht auf 13.30 Uhr, ein Mittagessen verheißt. Tatsächlich stehen Nudeln, Reis und Polenta zur Auswahl und natürlich Getränke. Leider serviert die Hütte in der herrlichen Natur auf 2.401 Meter Seehöhe ihre Drinks in weniger umweltfreundlichen Plastikflaschen und -gläsern.

Auf der Terrasse pfeift plötzlich ein kalter Wind. Erste Jacken werden übergezogen, dann geht es zum Mittagessen doch rein in die Stube: Ein Ofen bollert, was er kann, doch der Wind draußen zerrt an der ganzen Hütte.

Dennoch, mit einem guten Essen im Bauch ist der Weg zum Rifugio Zoia ein Klacks. Unterwegs zeigen sich noch zwei Steinböcke. Sie sehen älter aus als die Kitze, die am Morgen schon nahe der Staumauer zu sehen waren.

Nach einer guten Stunde, in der die Sonne wieder die Überhand gewinnt, kühlen sich alle nach der achtstündigen Runde mit einem Bier auf der Terrasse ab.

Denn eines ist klar, und da hat Thomas Dempfle recht: Warm sind nach dieser ersten Tour alle. Und heiß auf mehr.

Fotos: Claus-Georg Petri

Nachtrag: Da ist Musik drin

Fürs Haus: Thomas Dempfle (rechts) hat Emanuele, Wirt des Rifugio Zoia, eine Gitarre geschenkt. Das macht der Betreiber von Oase Alpin immer auf Hütten, auf denen Wandergruppen, die er organisiert, wohnen. Schließlich sollen sich alle Wander*innen wohl fühlen.

Aus Spaß an der Freude: Wie gut sich die Gruppe versteht, wird deutlich an einer einer großen Geste von Dieter (links) und Wolfgang. Zusammen haben sie für Senior Sepp (im Juli 2021 wird er 80) und Bergführer Thomas Dempfle je ein Lied getextet. Dazu gab es für jeden der so Geehrten ein Bilderkollage.