Hochtäler der Ruhe

Tag 3: Passo Campagneda: Schneefelder und Frösche

Gestern das Wetter, heute ist es der Schnee, der die Tour zum Passo Camagneda auf 2.636 Meter Seehöhe umdreht. „Da auf dem langen Aufstieg viel Schnee liegt, gehen wir einfach andersrum“, erklärt Bergführer Thomas Dempfle. Warum nicht? An den 650 Höhenmetern Auf- und Abstieg sollte sich dadurch nichts ändern, auch nicht an den 14 Kilometern Länge.

Los also wie üblich um 8.30 Uhr nach dem Frühstück im Rifugio Zoia. Direkt hinter dieser privat und super geführten Hütte schlängelt sich ein Pfad durch Kiefern- und Lärchenwald. Felsen blitzen dazwischen auf, ein Klettergarten mit extrem schweren Routen an glatten, senkrechten Wänden verrät etwas über die Kletterkunst der Einheimischen.

Das Hochtal, in das der Weg führt, öffnet sich immer mehr. Kleine Häuser ducken sich in die Landschaft, die im Sommer geradezu strahlend wirkt, im Winter aber komplett verschneit sein dürfte – die Häuser, darunter auch Rifugios, sind dann sicher verschwunden. Zumindest kämpfen ihre Bewohner mit der weißen Pracht.

Grün und saftig ist das Hochtal, das Alpe Campagneda heißt. Überall gluckert und rauscht es, das Nass strömt den Berg hinunter. Es sammelt sich in kleinen Seen, die entlang der Route 7, welcher die Gruppe folgt, wie an einer Perlenkette aufblitzen: Spiegelbildeer der herrlichen Berge ringsum. Kleine Fische, Brut aus diesem Jahr, verraten, dass hier auch größere Fische heimisch sind.

Quell dieses lebensspendenden Wassers ist in erster Linie der Schnee. Der schiebt sich die Hänge hinunter, welche die Wandergruppe Schritt für Schritt nach oben geht. Da der Schnee sulzig ist, sind keine Grödeln nötig: Feste Tritte lassen sich leicht in das Weiß hineintreten. Die meisten jedoch tragen Gamaschen. Die hindern den Schnee daran, in die Wanderschuhe zu fallen.

Abgesehen von einem italienischen Senioren-Pärchen aus der Gegend ist niemand anders unterwegs. Das Valmalenco spielt seine Reize nur an wenige aus.

Was für ein Glück: Die Ruhe in diesem Teil der Alpen ist bemerkenswert. Stille macht sich auch auf den anstrengenden Passagen über die Schneefelder breit, jeder hängt seinen Gedanken nach. Wandern als Mittel zur Meditation – abzuschalten gehört bei dieser Wanderwoche immer dazu.

Und natürlich eine zünftige Rast. Da auf der Tour keine Hütte ihre Dienste anbietet, werden Würstchen (gespendet von Sepp, dem mit knapp 80 Jahren Senior der Gruppe) gegen Müsliriegel, Snickers und Studentenfutter getauscht. Satt werden alle, und Wasser gibt’s aus dem Bach gleich nebenan.

Dann, endlich, ist der höchste Punkt der Runde erreicht: Passo Campagneda auf 2.636 Meter über NN. Ein Torbogen markiert die Stelle, Zeit für ein Gruppenfoto. Wieder einmal haben die Wander*innen, die sich schon so lange kennen, einen Pass geschafft. Leider stecken die scheinbar zum Greifen nahen Gipfel von Piz Bernina (4.050 m), Argient (3.945) und Zupo (3.997) ihre Gipfel in die Wolken.

Von nun an geht’s bergab. Über Schneefelder verläuft der unsichtbare Weg hinunter ins Val Poschi. Er führt vorbei an zugefrorenen Tümpeln, an deren aufgetauten Rändern Frösche ihre Eier ablegen oder auf dem Eis sitzen und die Wanderer beobachten. Zur Not springen sie ins eiskalte Wasser. Frösche – auf zweieinhalbtausend Meter Seehöhe in der Kälte des Frühsommer.

Der Weg mündet in jene Stelle, welche die Gruppe gestern schon genossen hat und die, wer’s gelesen hat, weiß es: kaum zu toppen ist. Ein paar Wagemutige treten ihren Weg dorthin barfuß an, übrigens ist schon das erste Blasenpflaster zum Einsatz gekommen. In dem glasklaren Bach kühlen sich einige die Füße, aber er muss eisig sein. Wenn Thomas Dempfle, der so schnell nichts sagt, etwas von „saukalt“ raunt, dann ist da wohl was dran.

Nach kurzer Pause heißt es, noch eine Stunde bis zum Rifugio Zoia – und, natürlich einem ersten Bier gegen 16.30 Uhr auf der Terrasse. In der Sonne, die den ganzen Tag ihr Bestes gegeben hat. Tatsächlich strahlen schon einige Nacken und Kniekehlen ganz schön rot. Aber all das spielt keine Rolle an Tagen wie diesen.

Fotos: Claus-Georg Petri