↑ 500 Hm ↓ 1400 Hm 6 Std. 13 km
Fotos: Claus-Georg Petri
Kleine Ursache, große Wirkung: Die Seilbahn in Madonna di Campiglio lief überraschenderweise heute nicht. Für die Königsetappe der Tour musste also eine Alternative gefunden werden. Gar nicht so einfach. Doch die Wanderer hatten Glück, war doch zwei Wochen vor ihnen schon eine andere Gruppe auf dieser Tour gelaufen - und da war die Seilbahn noch gar nicht in Betrieb. Wohl aber existierte eine andere Route.
„Diese Alternative könnte es zur neuen Königsetappe schaffen“, orakelte Margit, Tourguide der vertrauten Wanderfreunde. Die Eckdaten lassen aufhorchen: 950 Höhenmeter hoch, dann ein Stück hangparallel, danach 600 Höhenmeter bergab bis zur Seilbahn. Das Ganze auf nur zehn Kilometer Länger. Gefordert sind heute die drei Königsdisziplinen beim Bergwandern: Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit.
Harmlos beginnt sie mit einer gut einstündigen Busfahrt nach Andolo. Bis der auf Sportler aller Art ausgelegte Ort an einem kleinen See erreicht ist, herrscht Dösen. Dort dann Rucksack auf und los. Ein Schild am nach wenigen Schritten erreichten Waldrand mahnt: „Achtung, Bären-Gebiet.“
Die Sonne hat es zum Glück schwer, das dichte Blätterdach des Mischwaldes zu durchdringen. Es ist angenehm kühl. Trotzdem steht den Wanderern, sie sind inzwischen gut eingelaufen und fit, nach wenigen Schritten der Schweiß auf der Stirn: Es geht steil bergauf.
Die Eckdaten hatten es erahnen lassen: 950 Höhenmeter bergauf bei der relativ kurzen Wegstrecke von gerade mal zehn Kilometern - da muss es zur Sache gehen. Aber die Direttissima, also der direkte Weg nach oben ohne Serpentinen, der will erst mal geschafft sein.
Trinkpausen bei jedem Absatz, die Funktionswäsche der Wanderer ist dunkel verfärbt, weil nass. Dennoch bleibt ihnen Augen für das, was sie am Wegesrand begleitet: Blüten und Blumen in ihrer prächtigsten Form. Niemand mäht hier, es grasen keine Kühe, die Wildnis entfaltet sich im Naturpark Adamello-Brenta - Signet: ein Bär - mit ganzer Kraft.
Hier wuchern Margeriten neben Ochsenaugen, mannshohe Bergdisteln säumen den Weg. Dann wieder geflecktes Knabenkraut neben der Teufelskralle, die Butterblume, umwachsen von Vergissmeinnicht, gleich nebenan Schafgarbe. Sogar wilder Goldregen hängt über dem steilen Pfad.
Angesichts dieser üppigen Blumen stört die Wanderer der sich stetig wandelnde Pfad nicht so recht: Wurzeln und Felsen, Geröll und Tannenzapfen gieren nach Konzentration, dazu das steile Gelände - da zehren 950 Höhenmeter ganz schön viel Kondition. Die Gespräche reduzieren sich auf Ächzen, Stöhnen und Schnaufen.
Seniorin Helga lacht: „Da war das ja gestern ein Spaziergang.“ Zum Glück gibt es unterwegs zwei nicht öffentliche Almhütten, für eine Pause samt Stärkung mit Nüsschen und Süßis immer gut.
Der höchste Punkt des Tages ist an der Wegkreuzung Tovo Valon nach zweieinhalb Stunden auf 1.960 Meter über NN erreicht. Der Blick auf senkrechte Felswände entschädigt für die Strapazen der steilen Tour. Ohnehin ist die gute Laune nicht auf der Strecke geblieben.
„Jetzt“, so zeigt Chefin Margit auf der elektronischen Karte ihres Samrtphones, „geht es nur noch auf derselben Höhe weiter. “ Und danach sogar wieder bergab zur Seilbahn an der Hütte La Montantara. Doch aufgepasst: Die Route führt durch Bärengebiet.
Tatsächlich verläuft der Pfad hangparallel. Dabei führt er über einige vom Karst ausgesetzten Felsen, teils mit Stahlseilen gesichert. Konzentration ist gefordert bei den Schritten auf dem blanken Fels, von denen aber niemand aus der Gruppe abrutscht. Auch Bären sind nicht in Sicht, nur ein verschrecktes Reh im Latschenwald oberhalb der Baumgrenze.
So steil, wie es bergauf ging, so steil geht es bald wieder bergab. Die Brenta-Gruppe steht nun in ganzer Pracht und Schönheit im Blick. Zusammen mit den Adamello-Presanella-Alpen bilden Teile der Brenta seit 1967 einen Naturpark und das größte Naturschutzgebiet im Trentino. Es gehört zu den UNESCO Global Geoparks.
Kein Wunder: Fein ziselierte Türmchen wirken wie Bleistifte neben Berg-Klötzen wie der Cime Brenta (3.152 Meter über NN), Crozzon die Brenta (3.135) und Cima d’Ambiez (3.102). Die Kulisse wirkt geradezu unwirklich, zumal das Firmament, an dem die spitzen Kalksteinberge kratzen, immer dunkler und undurchsichtiger wird.
Der Blick ins Tal zur Hütte La Montanara, wo die Seilbahn deutlich sichtbar ins Tal nach Molveno mit seinem malerischen See läuft, lässt auf ein gemütliches, vor allem baldiges Ende der Tour hoffen. Also los, aber aufgepasst: Geröll bergab, außerdem noch immer Bärenland.
Plötzlich ein Knall, Echo von den schroffen Brenda-Wänden. Regenspritzer bekräftigen den Donner, die malerischen Bergen halten ein Gewitter gefangen. Nichts wie runter also. Plötzlich steht er da: ein Bär. Übernatürlich groß, zusammen gepuzzelt aus Holzbalken, vor der Kulisse der Brenta. Eine Hommage an das Tier, auf das die Menschen der Region ganz offensichtlich stolz sind.
Die Hütte La Montanara ist erreicht, schnell hin zur Bahn. Aber die schließt gerade. „Ja“, sagt der freundliche Sessellift-Einstiegshelfer, „ich hoffe, ich kann bald wieder aufmachen.“ Aber erst müsse das Gewitter verschwinden.
So ungewiss möchte niemand aus der Gruppe warten. Doch nur wenige hundert Höhenmeter weiter unten soll noch eine Gondelbahn laufen. Diese Information erweist sich als richtig. Runter und rein ins Hotel in Molveno.
Albrecht gibt eine Runde Bier aus: Er hat heute - wie immer in dieser Wanderwoche - Geburtstag, diesmal seinen 69. Herzlichen Glückwunsch und Prost.
Bald drauf gibt es Abendessen. Bei den drei Gängen diskutieren die Wanderer weiter über den Tag: Hat die Alternativroute tatsächlich das Zeug zu einer Königsetappe?
Start in den Tag mit einem Transfer nach Madonna di Campiglio, dem berühmten Skiort in den Brenta-Dolomiten. Von dort hievt die Groste Seilbahn die Wanderer zum Rifugio Stoppani auf 2.437 Meter Meereshöhe. Die ersten 900 Höhenmeter sind also leicht überwunden.
Die Wanderung von dort aus führt durch einen Teil des Naturparks Adamello-Brenta vorbei an gewaltigen Felsformationen. Dieser Haupdolomit dürfte als einer der Höhepunkte der Wanderwoche gelten.
Vom Rifugio la Montanara genießt die Gruppe den Blick auf den Lago di Molveno, bevor eine Seilbahn sie in den gleichnamigen Ort hinabgondelt.
Ziel für die Nacht ist dort das Alpotel Dolomiten.